Werk

Bereits als 18 Jähriger zeichnet Grewenig mit einer Begabung sondergleichen.  Gekonnt setzt er Reflexe und Lichtspiele in der Art von Lovis Corinth und Max Slevogt. An der Akademie in Kassel muss er jedoch zeichnen, wie er es gar nicht will – eng, akademisch. Grau und düster empfindet er die Malerei bis sein Lehrer Kay Nebel ihm erlaubt, freie Arbeiten anzufertigen. Er entscheidet sich für ein Thema, von dem wir heute noch nicht wissen, was der Auslöser dafür war: Unter dem Einfluss des Impressionismus entstehen kleinformatige Bilder mit Szenen des Alltags, wie Seiltänzer beim Gassenzirkus und Schlittenfahrt im Winter. Grewenig schafft kleine Figuren in einem gewollt kindlichen Malstil. Kannte Grewenig die Arbeiten Henri Rousseaus oder Camille Bomboirs? Die figürliche Malerei wird Grewenig nicht loslassen. Besonders während und nach der Bauhauszeit spielen Figuren eine wichtige Rolle. So entstehen 1924 am Weimarer Bauhaus die Arbeiten „Geheimrat, Zauberer, Hexe“ und im Vorkurs bei Moholy Nagy zum Thema Gleichgewicht und Transparenz die weit bekannte Skulptur „Tänzerin“ – eine Figurine aus Furnierholzstäbchen. Scheinbar im Gegensatz zur angeblich konstruktiven und gegenstandslosen Bauhauslehre stehend, malt Gewenig weiter „gewollt-naiv“ und wird anscheinend durch Paul Klees Suche nach kindlicher Unverdorbenheit bestärkt. Dennoch sind die durchgängig kleinformatigen Szenenbilder streng durchkomponiert und teilweise geometrisch aufgebaut. Auch in der Farbigkeit entscheidet sich Grewenig für Prinzipien, denen er zeitlebens treu bleibt: eine verhaltene Buntfarbigkeit, dafür aber gebrochene Braun- und Grautöne in Vielfältigkeit.

Die selbst hergestellten Farben sind matt und zurückhaltend. Sein Studium am Bauhaus prägt ihn sehr, und so äußert Grewenig sich 1962 selbst in einem Brief an Hans Maria Winkler, den damaligen Leiter des Bauhaus Archivs in Darmstadt: “…und so habe ich doch … im eigenen Künstlerischen Leistungen aufzuweisen, die grundsätzlich dem Wesen des alten Bauhausgedankens nahestehen…”.

Während der Diktatur der Nationalsozialisten malt Grewenig, wie viele bekannte Maler in dieser Zeit, zunehmend naturalistisch. Menschenfiguren verschwinden aus seinen Bildern. Landschaften und Stillleben dominieren während der 1940er Jahre. Es entsteht ein Bruch in seinem Werk, der nicht mehr geschossen wird. Er selbst bezeichnet diese Bilder als „Fingerübungen“. Nach dem Krieg kann er nicht mehr an
seine Szenenbilder aus dem Frühwerk anknüpfen. Eine Fortsetzung seiner Malerei kann nur über die Hinwendung zur Gegenstandslosigkeit erfolgen. Diese entwickelt er in den 1950er Jahren aus einer Phase des Surrealismus. Hier tauchen in seinen Bildern Figuren noch zum Beispiel in Form von Naturgeistern auf, bis sie schließlich völlig abstrahiert und am Ende gänzlich gegenstandslos sind. Grewenig bleibt beim kleinen Format, denn seine Inhalte sind auch kleine Welten, die er schafft. In einem Stein oder einem Gewächsschnitt entdeckt er unendlich viele Strukturen, die er gleichnishaft in zurückgenommener Farbigkeit wiedergibt. Ein Bild entsteht bei Grewenig häufig aus der Mitte heraus: Experimentell malerisch überlässt er es dem Zufall, diverse Farben und Materialien auf den Grund aufzutragen, bis sie das ganze Format ausfüllen. Die so
gewachsenen Strukturen werden anschließend herausgearbeitet, eingefangen, verstärkt und häufig ornamentiert. Das anfänglich zufällig entstandene Chaos wird geordnet, indem die Bilder oft mit Grau- oder Brauntönen übermalt werden. Nur ein Stück offengelassener Fläche lässt den Blick auf die ursprünglichen Strukturen noch zu. Diese Prozesse können sich über Jahre hinziehen. Und trotzdem ist es der Wille Leo Grewenigs, am Ende die ursprünglichen Strukturen unter den aufgetragenen Farbschichten erkennen zu lassen.